Bremer Befragung

»Die Bremer Befragung – SINE SOMNO NIHIL«, 1990-95

»Wenn du aufs Wasser schaust, siehst du dich selbst und zugleich bist du das Bild, das dich verlässt wie der Vogel seinen zitternden Busch. Vielleicht für immer. Die Bremer Befragung ist eine Skulptur, die aus den Bildern derer entsteht, die sie sich vorstellen. Alle die das tun, sind ihre Autoren«.
Inschrift auf der Plattform über der Weser an der Bürgermeister-Smidt-Brücke.

Der Künstler Jochen Gerz stellt den Skulptur- und Denkmalsbegriff der Gegenwart in extremer Weise in Frage. Nicht die materielle Aura des Objekts bestimmt sein Werk, sondern Sprache, Kommunikation und Erinnerung gehören zum erweiterten Materialbegriff von Gerz. Er entwirft eine ‚Kunst des Verschwindens‘, die den Betrachter immer auf sich selbst zurückführt. Viele seiner Arbeiten sind interaktiv – das Werk entsteht erst durch die Kommunikation zwischen Künstler und Rezipienten.

Die Arbeit, die der Träger des ersten Bremer Rolandpreises für Kunst im öffentlichen Raum für Bremen entwickelte, ist eine immaterielle Skulptur. In einem mehrjährigen Befragungsprozess begab sich der Künstler in Dialog mit der Öffentlichkeit: 50.000 Personen wurden bei den Befragungen mittels Flugblatt, Zeitungsanzeige und TV-Beitrag zu ihren Wünschen an ein Kunstwerk im öffentlichen Raum und ihren Erwartungen an die Kunst -deren Aufgaben und Möglichkeiten - befragt.

Die Fragen waren:
1. Zu welchem Thema sollte die Arbeit Stellung nehmen?
2. Glauben Sie, dass sich Ihre Vorstellungen mit Hilfe von Kunst verwirklichen lassen?
3. Möchten Sie an dem Kunstwerk mitarbeiten?
Die 232 Teilnehmerinnen und Teilnehmer von 6 öffentlichen Seminaren von Jochen Gerz befanden übereinstimmend, dass eine öffentliche Skulptur nicht unbedingt aus einer materiellen Form bestehen müsse.

Dieser Prozess der Befragungen und Gespräche ist in dem Buch »Die Bremer Befragung – SINE SOMNO NIHIL, 1990-95« beschrieben und dokumentarisch festgehalten. Die Namen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der »Bremer Befragung« sind auf eine dreieckig auskragende Plattform über der Weser auf der Bürgermeister-Smidt-Brücke eingraviert. Sie lädt die Bürgerinnen und Bürger weiterhin ein, den Prozess über die Entstehungszeit hinaus zu gestalten: »Sine Somno Nihil – Ohne Traum Nichts«.

Publikation: Jochen Gerz: Die Bremer Befragung – SINE SOMNO NIHIL 1990-95. Hg. Peter Friese. Hatje Cantz: Ostfildern-Ruit, 1995. Der Band enthält eine ausführliche Dokumentation des Projekts in Wort und Bild sowie Essays von Guido Boulboullé, James Clark, Thomas Deecke, Peter Friese, Hans-Jürgen Heinrichs und Hans-Joachim Lenger.